Die Macht der Rohre

Es muss nicht immer „Imagine“ sein oder Beethovens Neunte. Ein dünnes Plastikrohr tut es auch, um die Welt mit Musik zu bewegen. Heute musste ich zweimal so lachen, dass ich meine ansonsten überbordende Arbeit beiseite lege, um hier die beiden Anlässe zu notieren. Ich las nämlich auf SPIEGEL-online erstens Folgendes: „Nach zahlreichen Beschwerden von Zuschauern geht die WM-Fernsehproduktionsfirma Host Broadcast Services (HBS) verstärkt gegen das Vuvuzela-Getröte aus den südafrikanischen Stadien vor. Man werde die Audiofilter verdoppeln, um das ständige Summen bei der TV-Übertragung zu verringern, teilte das Unternehmen an diesem Dienstag mit.“ Der Ernst der Meldung im Kontrast zum Anlass ist doch eine Wonne, oder nicht? Das Lachen bleibt aber im Hals stecken, füllen wir Impetus und Duktus der Meldung mit einem leicht abgewandelten Inhalt: „Nach zahlreichen Beschwerden von Küstenbewohnern geht BP nun verstärkt gegen die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko vor. Man werde die Absaugleistung verdoppeln, um den ständigen Ölfluss aus dem Bohrloch zu verringern, teilte das Unternehmen kurz nach dem Eintreffen der ersten Ölklumpen an den empfindlichen Stränden mit.“ Wo man im ersteren Fall der akustischen Umweltverschmutzung mit einem Verbot Einhalt gebieten könnte, lässt sich in letzterem Fall mit Verboten nichts machen.

Für den zweiten – diesmal ungläubig-hilflosen – Lacher sorgte die folgende Meldung ein paar Seiten weiter: „Zur Eröffnung der Anhörung (von BP) hatten Abgeordnete scharfe Kritik an den Notfallplänen der Konzerne für den Fall einer katastrophalen Ölpest geäußert. Eine Untersuchung der eingereichten Unterlagen habe ergeben, dass die Pläne veraltet und teilweise unbrauchbar seien, sagte der Ausschussvorsitzende Ed Markey. In zwei der untersuchten Pläne sei die Telefonnummer eines ‚seit langem verstorbenen Experten‘ angeführt, kritisierte Markey. BP und drei weitere Konzerne erwähnten in den Dokumenten des Weiteren den Schutz von Walrössern, ‚die seit drei Millionen Jahren nicht mehr im Golf von Mexiko beheimatet sind‘.“

Beim Abendessen fragte eines unserer jüngeren Familienmitglieder nach der Qualifikation von Ingenieuren, die es nicht schaffen, einen Korken in ein simples Rohr zu stopfen, auch wenn es zugegebenermaßen etwas tief im Wasser liege. Wir sprachen darüber, dass es dieselbe Intelligenz ist, die Kernkraftwerke baut und Pflanzen mit Terminator-Genen in die Natur entlässt und das „Restrisiko“ jeweils für vertretbar hält.

Apropos Restrisiko: Im Fall der Vuvuzela könnte das Tinnitus heißen. Im Fall des Ölrohrs im Ozean sieht es so aus:

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