Die Macht der Rohre
Es muss nicht immer „Imagine“ sein oder Beethovens Neunte. Ein dünnes Plastikrohr tut es auch, um die Welt mit Musik zu bewegen. Heute musste ich zweimal so lachen, dass ich meine ansonsten überbordende Arbeit beiseite lege, um hier die beiden Anlässe zu notieren. Ich las nämlich auf SPIEGEL-online erstens Folgendes: „Nach zahlreichen Beschwerden von Zuschauern geht die WM-Fernsehproduktionsfirma Host Broadcast Services (HBS) verstärkt gegen das Vuvuzela-Getröte aus den südafrikanischen Stadien vor. Man werde die Audiofilter verdoppeln, um das ständige Summen bei der TV-Übertragung zu verringern, teilte das Unternehmen an diesem Dienstag mit.“ Der Ernst der Meldung im Kontrast zum Anlass ist doch eine Wonne, oder nicht? Das Lachen bleibt aber im Hals stecken, füllen wir Impetus und Duktus der Meldung mit einem leicht abgewandelten Inhalt: „Nach zahlreichen Beschwerden von Küstenbewohnern geht BP nun verstärkt gegen die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko vor. Man werde die Absaugleistung verdoppeln, um den ständigen Ölfluss aus dem Bohrloch zu verringern, teilte das Unternehmen kurz nach dem Eintreffen der ersten Ölklumpen an den empfindlichen Stränden mit.“ Wo man im ersteren Fall der akustischen Umweltverschmutzung mit einem Verbot Einhalt gebieten könnte, lässt sich in letzterem Fall mit Verboten nichts machen.
Für den zweiten – diesmal ungläubig-hilflosen – Lacher sorgte die folgende Meldung ein paar Seiten weiter: „Zur Eröffnung der Anhörung (von BP) hatten Abgeordnete scharfe Kritik an den Notfallplänen der Konzerne für den Fall einer katastrophalen Ölpest geäußert. Eine Untersuchung der eingereichten Unterlagen habe ergeben, dass die Pläne veraltet und teilweise unbrauchbar seien, sagte der Ausschussvorsitzende Ed Markey. In zwei der untersuchten Pläne sei die Telefonnummer eines ‚seit langem verstorbenen Experten‘ angeführt, kritisierte Markey. BP und drei weitere Konzerne erwähnten in den Dokumenten des Weiteren den Schutz von Walrössern, ‚die seit drei Millionen Jahren nicht mehr im Golf von Mexiko beheimatet sind‘.“
Beim Abendessen fragte eines unserer jüngeren Familienmitglieder nach der Qualifikation von Ingenieuren, die es nicht schaffen, einen Korken in ein simples Rohr zu stopfen, auch wenn es zugegebenermaßen etwas tief im Wasser liege. Wir sprachen darüber, dass es dieselbe Intelligenz ist, die Kernkraftwerke baut und Pflanzen mit Terminator-Genen in die Natur entlässt und das „Restrisiko“ jeweils für vertretbar hält.
Apropos Restrisiko: Im Fall der Vuvuzela könnte das Tinnitus heißen. Im Fall des Ölrohrs im Ozean sieht es so aus:
Oya 2 ist erschienen
Seit ein paar Tagen ist die zweite Ausgabe der neuen Zeitschrift Oya im Handel. Sie steht unter dem Motto „Aussteigen, um einzusteigen“. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die ihr Leben verändern bzw. verändert haben. Alternative Nobelpreisträger, Pioniere der Sozialen Bewegungen der vergangenen 40 Jahre, aber auch Menschen aus dem Mainstream, die ganz aktuell nach mehr Sinn in ihrem Leben suchen, kommen zu Wort. Gemeinsam ist all diesen Wegen die Suche nach dem „guten Leben“, nach einem „richtigeren Leben im falschen“. Die Hauptartikel stammen aus den Tastaturen von Mathias Greffrath, der für mehr politischen Engagement der Kulturkreativen wirbt, Geseko von Lüpke, der die oft krisenhaften Wandlungsprozesse im Leben einige Alternativer Nobelpreisträger schildert und Dieter Halbach, der u.a. einen Reiseführer ins „richtigere“ Leben anbietet. Ich habe einen Text beigesteuert, in dem ich erstmals den Begriff der Post-Kollaps-Gesellschaft vorstelle, den ich seit einiger Zeit auf seine Tauglichkeit prüfe.
Mehr erfahren Sie direkt auf der Webseite oya-online.de.
Die Kunst des Heuchelns
Gelegentlich finde ich es schwer, zu begründen, warum Optimismus in Hinblick auf die Chancen, eine neue Welt errichten zu können, nach wie vor angebracht erscheint. Zu absurd wirkt das Denken und Handeln derer, die es aus professionellen Gründen eigentlich besser wissen und können müssten.
Da sind nun drei deutsche Soldaten erschossen worden. Nicht – hoppla! – aus Versehen von den „eigenen“, guten Leuten, wie die sechs anderen, afghanischen, deren Tod durch deutsche Kugeln man natürlich auch bedauere, sondern von den fremden, bösen. Das – verfolgt man den Tonfall der entsprechenden Berichte – gibt dem Tod offenbar eine andere Färbung.
Bei den vorigen 36 Gefallenen hatte sich die Kanzlerin nicht gezeigt, diesmal wollte „die Öffentlichkeit“ – wer immer das in diesem Fall sein mag – sie in der ersten Reihe trauern sehen. Spiegel-online zitiert sie mit den Worten: „Ich stehe sehr bewusst hinter diesem Einsatz, weil er der Sicherheit unseres Landes dient.“ Kaum zu glauben. Das Kennzeichen von Fundamentalismus ist, dass er darauf besteht, rechtzuhaben. Kein Zweifel beunruhigt das fundamentalistische Gehirn. In einem sozialen Organismus aber, der die gemeinsame Mitte aus den vielen Anschauungen, Erfahrungen und Vorschlägen zu bilden sucht, die seine für die andere Meinung, die andere Kompetenz aufgeschlossenen, am Weiterlernen interessierten Beiträger in dem Wunsch einbringen, aneinander zu wachsen und sich stetig zu erneuern, ist der Selbstzweifel eine unabdingbare Voraussetzung. Hätte der zweite Halbsatz nicht wenigstens lauten müssen, „… weil ich glaube, dass er der Sicherheit unseres Landes dient.“?
Der Artikel spricht von der Fassungslosigkeit der Freunde und Angehörigen der Toten. Der Pfarrer sagt, befürchtet habe man diesen Tag, „aber wir hatten gehofft, dass er uns erspart bleibt.” Es wird nicht berichtet, ob er auch begründet hat, was Anlass zu dieser Hoffnung gab: die überlegenen Waffensysteme etwa? Die Überlegenheit der westlichen Kriegstaktik? Die Intelligenz der westlichen Krieger? Die Feigheit der „Aufständischen“? Das Glück? Die schützende Hand Gottes? Oder enthält uns der Artikel die mögliche Fortsetzunge des Satzes vor, wie etwa: “… dass er uns erspart bleibt, und es andere treffen möge“? Zum Beispiel die Amerikaner, bei denen inzwischen über 1.000 Familien Grund zur Trauer über einen in Afghanistan verlorenen Sohn – Töchter sind auch dabei – haben, oder Deutsche in anderen Kasernen? Es soll einfach einen anderen treffen, nur nicht mich. „Warum lässt Du das zu, Gott?”, fragt der Pastor. Ist Merkel Gott? Bisher war ich der Meinung, die Soldaten stünden am Hindukusch auf Geheiß der deutschen Regierung, des deutschen Bundestags, der deutschen Wähler.
Unter den Trauernden sind auch Berufskollegen der Erschossenen. Der Autor des Artikels bedauert: Sie „müssen im Sommer selbst nach Afghanistan in den Einsatz.“ Ja, müssen sie wirklich? Wer zwingt sie? Mussten sie diesen Beruf wählen? Gleicht die Profession des Söldners nicht der eines Glücksspielers – und wollten sie nicht diesen Beruf?
Ich will gar nicht darüber diskutieren, ob der Kriegseinsatz in Afghanistan und anderswo richtig oder falsch ist. Die zunehmenden globalen Probleme übergeordneter bzw. der übergeordneten Natur werden diese Frage marginalisieren. Ich denke nur mal wieder darüber nach, wie wir es schaffen wollen, die Grundmetaphern in den Köpfen derer zu ändern, die wir eigentlich mühelos erreichen könnten, weil sie unsere Sprache sprechen, Deutsch. Vielleicht wäre schon ein bisschen geholfen, wenn wir die Sache ehrlicher angingen: Wir sollten die Trauer den Menschen überlassen, deren Beziehungsnetz ein Loch bekommen hat. Sie konnten ihren Sohn, ihren Ehemann, Geliebten, Vater nicht davon abbringen, das Glücksspiel eines Kriegers zu spielen, und sei es auch nur darum, dass er damit das Einkommen sichern zu können glaubte. Die anderen Götter, die zugelassen haben und weiterhin zulassen, dass junge Menschen ihr Leben beim russischen Roulette riskieren, sollten schlicht dazu stehen, dass das eben der Preis ist für Überzeugungen, die auf der Metapher beruhen, wir lebten in einer Festung der Guten, und da draußen auf dem Glacis vor unserem Bollwerk, da robbe sich der Feind heran, der fundamentalistische.
1 Million Unterschriften für mehr Forschung vor Freisetzung von Gen-Pflanzen
Der Club of Budapest Deutschland steht für eine nachhaltige ökologische Landwirtschaft ohne Gentechnik. Dies aus zweierlei Gründen: Zum einen fördern wir ein Verständnis, in dem nicht nur der Mensch Teil der Natur ist, sondern auch die Natur als essenzieller Teil des Menschen begriffen wird (unser Arbeitsfeld 1). Zum anderen fördern wir eine Kultur der Weisheit, die aus der Wissenskultur hervorgeht (unser Arbeitsfeld 4).
Aus beiden Perspektiven gibt die agroindustrielle Gentechnik Anlass zu größten Bedenken:
Erstens: Unser im Arbeitsfeld 1 skizziertes Mensch-Naturverständnis sieht alles Leben in diesem Planeten als ineinander verschränkt an. Die Gentechnik zerreißt die Verschränkung zugunsten der Befriedigung der materiellen Interessen weniger global agierender Konzerne. Sie versklavt den mütterlichen Aspekt des Lebens, der im Schenken wurzelt, und setzt den Raubzug egoistischer Machtmänner fort. Dies in einer Zeit, wo zunehmend offenbar wird, dass das Ende der Raubzüge gekommen ist. Die Behauptung der Gen-Lobby, mit gentechnisch veränderten Pflanzen den Hunger in der Welt beenden zu können, ist ein Vorwand, der längst durch eine erdrückende Zahl das Gegenteil beweisender Studien aufgedeckt wurde (Beispiel: Weltagrarbericht).
Zweitens: Es ist nicht weise, etwas zu tun, dessen Folgen man nicht kennt. Der einzelne Mensch mag so tollkühn sein dürfen, unter Lebensgefahr herauszufinden, wie hoch er ohne Seil in eine unbekannte Wand ohne Umkehrmöglichkeit steigen kann. Es darf aber nicht sein, dass der Rest der Menschheit dazu verurteilt wird, diesen Weg mitmachen zu müssen. Die Langzeitfolgen der agroindustriellen Gentechnik sind heute völlig unbekannt – die Technologie ist gerade mal zwanzig Jahre alt. Es ist auch kein Rückweg bekannt, der das Leben bei einem Versagen der Technik in den Zustand vor der ersten Freisetzung gentechnisch manipulierter Organismen zurückversetzen könnte. Die Zulassung des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen ohne ausreichende Langzeiterfahrung – und hier kann es nur um generationenlange Zeiträume gehen! – ist in höchstem Maß verantwortungslos. Das Desaster bei der Entsorgung nuklearer Abfälle ist bereits ein Desaster zuviel.
In vielen Ländern der Erde darf inzwischen gentechnisch verändertes Saatgut angebaut werden. Auch in Europa werden seit rund fünfzehn Jahren Freisetzungsversuche durchgeführt. Allerdings hatte die Europäische Kommission in den letzten zwölf Jahren ein Moratorium für gentechnisch verändertes Saatgut verhängt. In den vergangenen Wochen hat sich die Lobby von Monsanto, Syngenta, Pioneer, BASF & Co. auch in der EU durchgesetzt und die Zulassung der gentechnisch veränderten Kartoffelsorte BASF-Amflora sowie einiger gentechnisch veränderter Maissorten von Monsanto erwirkt. Dabei lehnt auch jüngsten Studien zufolge die Mehrheit der Bevölkerung in Europa gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. In den USA bilden gentechnikfreie Lebensmittel sogar das am stärksten wachsende Marktsegment. Stets die neuesten Untersuchungen dazu finden Sie z.B. auf der Seite der Initiative Gentechnikfreie Regionen in Deutschland.
Unter den Aktionen der großen Umweltverbände, die zumindest auf Verlängerung des Forschungszeitraums drängen, erscheint uns aktuell die Initiative der Organisation Avaaz besonders unterstützenswert. Avaaz, nach eigenen Angaben „eine neue globale Internetbewegung, die mit demokratischen Mitteln für eine gerechtere Welt kämpft“, will 1 Million Unterschriften für eine Petition an die Europäische Kommission zur Rücknahme der Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel sammeln.
Von Unterschriftenaktionen mag man halten, was man will. Viele Aktivisten lehnen sie als ineffektiv und vor allem als zu langwierig ab. Ich habe aber ausreichend erfahren, dass solche Aktionen vor allem Menschen in Bewegung setzen, die anders nicht aktiv werden können oder wollen. Deshalb unterstützt der Club of Budapest Deutschland diese Aktion.
Hier geht’s direkt zur Seite von Avaaz mit der Petition.
Training für Kulturkreative
„Wir sind die Zivilgesellschaft – die dritte Kraft der Gesellschaftslenkung.“ So wirbt eine ehrgeizige Initiative auf den Philippinen um Teilnahme. Abgesehen davon, dass ich die Zivilgesellschaft für die erste, wichtigste und stärkste politische Kraft halte, scheint mir der Hinweis auf die „EMERGE!2010“ genannte Veranstaltung aus zweierlei Hinsicht angebracht: Erstens trägt sie den ausdrücklichen Untertitel „Training für Kulturkreative“, und zweitens ist eine Koryphäe für soziale Bewegung aus Deutschland dabei, Walter Siegfried Hahn, einer der rührigsten Motoren für die Integration junger Menschen in die gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse für eine neue Kultur. (Auf Veranstaltungen im Ausland weisen wir nämlich sonst gelegentlich auf der Seite des WorldShift Network hin.)
Das Training findet vom 26. April bis zum 2. Mai im Großraum Manila statt. Da rührt sich bei mir natürlich das ökologische Gewissen: Wäre es nicht auch ein Gedanke, statt in Massen dorthin zu fliegen, der Aktion das sicherlich benötigte Geld zu spenden und etwas Ähnliches hier zu veranstalten, wo man zur Not noch mit Fahrgemeinschaften hinkommt?
Wie auch immer, ein Pflänzchen, das sich ausdrücklich zur kulturkreativen Bewegung bekennt, hat alle unsere Aufmerksamkeit verdient, um so mehr, wenn es an der Peripherie der westlich geprägten Welt sprießt. Aber sind nicht die Übergangszonen zwischen den Kulturen und Biotopen nicht sowieso immer dynamischer und innovativer als die satten Zentren, in denen die Mehrheit so schön weiß, wo’s langgeht – nämlich immer so weiter?
Hier geht’s jedenfalls zur Webseite von EMERGE!2010.
Das richtige Leben im falschen
Apropos Adornos Behauptung, es gäbe „kein richtiges Leben im falschen“: Freilich schmerzt es, wenn einem die tägliche Erfahrung die scheinbare Nutzlosigkeit noch der stärksten und edelsten Bemühungen um einen fundamentalen Wandel unserer Zivilisation zu einer nachhaltigen, kovergent und organismisch denkenden und handelnden Kultur des Genug vor Augen führt. Ich habe aber Adornos Satz immer als paradoxen Ansporn verstanden, trotz allem das richtige Leben zu schaffen. Wenn das Ziel ein „richtiges Leben“ ist, dann erscheint alles, was wir auf dem Weg dorthin tun, logischerweise falsch, denn richtig wird es ja erst in dem Augenblick, wo das Ziel erreicht ist.
Der Kosmos aber ist ein fraktales Gebilde, und so ist er durch und durch: Wo immer wir mit dem Auffalten beginnen, stets kommt die gleiche Struktur zum Vorschein, deren weitere Entfaltung erneut das gleiche Bild zeigt. Im Großen wie im Kleinen. Wie oben, so unten. In dieser Perspektive kann das Erreichen des Ziels nicht enthalten sein, würde doch damit die Formel, die dem Kosmos die ständige Weiterentfaltung garantiert, ein Ende haben. Und das wäre – zumindest für unser Universum – der Tod des Ganzen.
Den Glauben daran, dass es Ziele gibt, die erreicht werden können und müssen, halte ich für einen der mächtigsten Wirkfaktoren des falschen Lebens. Er ist die Wurzel der heroischen Idee vom Fortschritt, die uns an den Rand des Abgrunds gebracht hat. So trivial es heute klingen mag, wo wir seit seinem popkulturellen Aufkommen in den sechziger Jahren unablässig das Mantra „Der Weg ist das Ziel“ murmeln, es ist doch so: Der Weg ist das Ziel. Das gilt auch für die hehren Anliegen, die wir Kulturkreativen verfolgen: Eine nachhaltige Welt ist zwar unbedingte Voraussetzung für unser weiteres Überleben. Aber erst wenn sich unser Streben in das kosmische Prinzip des ewig Selbstähnlichen fügt, werden wir die Wege gehen können, die uns aus dem falschen, zielorientierten Leben heraus- und in das richtige Leben des Einverstandenseins mit dem, was ist, hineinführen.
Was? Einverstanden sein mit dem, was ist? Niemals! Wir müssen die Dinge doch ändern! Schnellstens! Sonst gehen wir alle unter! – Der Satz „Der Weg ist das Ziel“ ist, soweit ich es überblicke, eine grobe Simplifizierung einer Stelle bei Konfuzius. Berufene übersetzen das Zitat „zhi yu dao“ genauer mit „ich richte mein Streben auf das Dao“. Schon ist alles besser: Wenn das Dao, das selbt kein Ziel kennt, da es – neben vielem anderen – „der Weg an sich und zugleich nicht“ ist, Ziel meines Strebens sein soll, dann gibt es einen Weg, mit dem Paradox zu leben, dass ich in der dichotomen Welt der Handlungen das Richtige nur erreichen kann, wenn ich bereit bin, das Falsche zu tun.
Konkretes Beipsiel: Unsere verzweifelten Bemühungen, der Welt eine neue, „saubere“ Energie zu bringen, treibt die globale Wirtschaft weiter an. Die Entwicklung von Technologien, die nicht mehr auf Erdöl basieren, steigert den Bedarf an Öl. Die Steigerung der Effizienz unserer elektronischen Kommunikation fordert Hardware, braucht Öl und Metalle für Satelliten, Raketen, die diese in den Himmel schießen, Sicherheitsorgane, die die Kraftwerke bewachen, LKWs, die die Transformatoren transportieren, Fabriken, die seltene Erden zu Halbleitern sintern, Berwerke, aus denen die seltenen Erden gekratzt werden und, und, und … (Übrigens, schon mal was von Jevons’ Paradox gehört? Wenn nicht: bitte danach googeln oder z.B. hier nachlesen!) Allein, dass ich diesen Post stromen kann, bringt doch das Gehirn, das sich mal ganz entspannt mit all den Voraussetzungen und Abhängigkeiten und für die Biosphäre zuhöchst schädlichen Folgen meines (eher als richtig eingeschätzten) Tuns beschäftigen will, zum Kochen.
Richtig könnte also sein, das alles zuzulassen. Wunderbare Ruhe zieht in mir ein, wenn ich anfange, einverstanden zu sein mit dem, was ist.
Ich bin einverstanden damit, dass ich beim Stromen dieses Posts meiner und der Welt unserer Kinder vermutlich schade. Jetzt, in diesem Augenblick, und vielleicht auch noch morgen. Ich bin einverstanden damit, dass ich damit nicht einverstanden bin.
Ich bin einverstanden damit, dass ich das Ziel einer „besseren Welt“ nicht erreichen werde, weil Statik nur innerhalb einer ständigen Dynamik (= kosmisches Prinzip) gedacht werden kann. Ich bin einverstanden damit, dass ich damit nicht einverstanden bin – ich will in einer „besseren Welt“ leben.
Ich bin einverstanden damit, dass ich der Welt schade, schlicht, weil ich hier bin und zur Steigerung der Entropie des Ganzen beitrage. Aber wenn ich schon hier bin, dann möge der Schaden doch wenigstens nützen!
Ich bin einverstanden damit, dass das Dao selbst kein Ziel hat. Ich bin einverstanden damit, dass mein „Streben nach dem Dao“ ein Widerspruch mit dieser Grunderkenntnis ist.
Ich bin einverstanden damit, dass ich in einer paradoxen Welt lebe. Ich bin einverstanden damit, dass ich nichts wirklich ändern kann. Ich bin einverstanden damit, dass mir das nicht gefällt. Ich bin einverstanden damit, dass ich alles daransetze, die Dinge zu ändern, die ich nicht ändern kann. Und so fort …
Wie wunderbar ist dieses Kaleidoskop der Paradoxe, der scheinbaren Widersprüche, wie wunderbar ist das Dao. Wie entspannt und heiter kann ich nun weiter das Falsche tun, während ich kompromisslos das, was ich für richtig halte, in die Tat umsetze …
Wahrscheinlich war Adorno ein verkappter Daoist.
YIPpie! Go social!
Ja, es gibt sie, die richtigen Initiativen im falschen Leben (frei nach Adorno)! Und in den harten Zeiten, wo uns immer mehr bewusst wird, wie wenige wir erst sind, die für eine neue, lebensfördernde Kultur arbeiten (obwohl wir uns doch schon als „viele“ fühlen und täglich mehr werden), ist dieses Pflänzchen besonders wertvoll: YIP – The Youth Initiative Program, ein Sozialunternehmer-Training für junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren. Wo? In Järna in Schweden. Worum geht’s? Um ein Jahr Zeit, zu lernen, wie man die Welt zum Positiven wandeln kann. Die jungen Menschen sollen erfahren, wie ihr individueller Beitrag dazu aussieht und wie die eigene Initiative zur Tat werden kann. Das Training wird von Persönlichkeiten begleitet, die selber bedeutende Organisationen, Unternehmen oder zivilgesellschaftliche Initiativen gegründet oder lange prägend darin mitgewirkt haben.
Hier ist der Link zum YIP.
Und hier geht’s zu einer mit dem YIP verbundenen Initiative, dem IDEM-Netzwerk.
Oya – anders denken, anders leben
Der Grund, warum ich erst heute wieder zum Schreiben komme, liegt inzwischen schon drei Wochen in gedruckter Form vor: Die erste Ausgabe von Oya, dem neuen kulturkreative Magazin ist da. Der Club of Budapest Deutschland gehört zu den Partnern, die das Heft von Anfang an als Plattform für ihre Netzwerke nutzen. Mitglieder im Club of Budapest Deutschland erhalten Oya regelmäßig alle zwei Monate druckfrisch zugesandt.
Das Heft verfolgt ein nicht-kapitalistisches Finanzkonzept. Es wird von einer Lesergenossenschaft getragen. Über 100 engagierte Menschen haben bereits Anteile gezeichnet. Das ist ein ermutigender Anfang, aber es müssen noch zehnmal soviele werden! Der Grundgedanke der Genossenschaft ist die paritätische Selbsthilfe – alle für alle.
Oya versteht sich als Forum für Beispiele und Visionen, Utopien wie Bewährtes, für Gedanken und Lebensweisen, die zu einer Gesellschaft führen, der das Leben und nicht der Profit zentrales Anliegen ist. Mit Reportagen, Essays, Porträts, Berichten und Interviews will das Heft neue kulturelle Ansätze zutage fördern. Es geht um Projekte, die auf Kooperation statt Konkurrenz, auf Vertrauen statt auf Angst, auf Beziehung statt auf Abhängigkeit setzen. Die konkrete Utopie wird gefördert, die erprobt, diskutiert und gelebt werden will.
Mehr gibt es auf der Internetseite www.oya-online.de zu lesen. Dort kann man auch abonnieren und die Antragsunterlagen für die Zeichnung von Genossenschaftsanteilen herunterladen.
Einen interessanten Thread dazu bringt u.a. der Keimform-Blog.
Neues von der Antarktischen Halbinsel
Ein vorgestern veröffentlichter Bericht von der United States Geological Survey (USGS) weist zum ersten Mal nach, dass sich im Zeitraum von 1947 bis 2009 jede Eiskante im südlichen Teil der Antarktischen Halbinsel zurückgezogen hat. Die dramatischsten Veränderungen wurden seit 1990 beobachtet. Bereits früher hat die USGS für die Mehrzahl der Eiskanten der gesamten Halbinsel (immerhin rund 1.200 km lang) schwindende Werte nachgewiesen. Noch schmilzt erst das Schelfeis, und das schwimmt bekanntlich bereits im Wasser und trägt somit nicht zum Steigen des Meeresspiegels bei. Zwei Faktoren beunruhigen jedoch – wenn schon nicht die globalen Entscheider – zumindest die Forscher der an der Studie beteiligten Institute, neben der USGS die British Antarctic Survey, das Scott Polar Research Institute und das deutsche Bundesamt für Kartographie und Geodäsie:
Erstens sichert das Schelfeis den Antarktischen Eisschild vor dem Abrutschen von der Landmasse des Kontinents. Wenn das Schelfeis schwindet, gleiten die Eismassen aus dem Landesinneren ungehindert in die See, und das lässt dann den Meeresspiegel steigen. In der Antarktis ist rund 98 % des weltweiten Gletschereises versammelt. Würden lediglich die Gletscher der Westantarktis auftauen, hätte das einen Anstieg des Meeresspiegels um durchschnittlich 6 Meter zur Folge. Würde sich die gesamte Wasssermenge, die im antarktischen Eisschild gebunden ist, verflüssigen, stiege der Meeresspiegel um rund 70 Meter an. (Das alles ist eigentlich bekannt, aber da man uns sagt, das dauere alles ziemlich lang, ist es auch ziemlich langweilig. Oder nicht?)
Zweitens: Die Westantarktis ist der Teil der Erde, dessen klimatische Bedingungen sich derzeit am stärksten wandeln. Das Eis schmilzt noch schneller als im grönländischen Qaqortoq. Dort ist die Euphorie über einen neuerdings möglichen Kartoffelanbau oder gar eine Rinderzucht allerdings schon wieder verflogen, weil die zunehmende Temperatur nun für Trockenheit sorgt. (Hier kann man sich immerhin mal durch ein Video unterhalten lassen: „Oh guck mal, sind die klein, die Kühe …“)
Ja, was fangen wir nun mit einer solchen Information an? Es ist ja nur eine von vielen derartigen, und sie betrifft Vorgänge, die so weit weg von uns erscheinen, dass wir uns emotional gar nicht damit verbinden können. – Oder doch?
Ich lade Sie zu einer kleinen Übung ein:
Klicken Sie auf das untenstehende Bild, so dass Sie es groß genug auf Ihrem Bildschirm sehen. Dann schauen sie darauf, als wäre es ein Mandala. Betrachten Sie es wie ein Meditationsbild, und lassen Sie Ihre Gedanken mit den Formen der Linien und den Jahreszahlen spielen. Achten Sie auf Ihre Empfindungen und gehen Sie Ihren Gefühlen zwanglos nach. Halten Sie eine Zeitlang aus, was Sie fühlen, und dann stehen Sie vom Computer auf, und gehen nach draußen. Ist das, was Sie gefühlt haben, in irgendeiner Weise relevant für das, was Sie nun „draußen“ erleben?
Zur Quelle für die Grafik gelangen Sie hier.
Grundeinkommen hat Mainstream erreicht
Hört, hört oder, besser, lest, lest! Unglaubliches tut sich in Deutschland! Der SPIEGEL in seiner Online-Variante titelt soeben: „Gleiches Geld für alle“ und lässt den Hamburger Volkswirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar einen klaren, unverschnörkelten Aufruf zum bedingungslosen Grundeinkommen publizieren. Zwar ein Gastkommentar, und von Thomas Straubhaar hat man an gleicher Stelle schon vorher immer mal einen Rüttler in diese Richtung lesen dürfen. Aber so wie jetzt, das ist neu. Ich dachte mir schon beim ersten Zähneblecken unseres Herrn Außenministers gegenüber den arbeitsscheuen Hartz-IV-Couchkartoffeln, dass dies doch die beste Chance für einen lauten Aufschrei der Grundeinkommensnachdenker sei, die es bisher überhaupt gab. Voilà, hier wurde die Chance genutzt. Lesen Sie den Artikel auf SPIEGEL-online!
Zwei Zusätze, erstens: Thomas Straubhaar sagt am Schluss seines Artikels: „Natürlich wird ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht aus der Realität ein Paradies und aus Egoisten Gutmenschen machen. Es wird weiterhin Menschen geben, die auch dieses System hintergehen, missbrauchen und zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht darum, wegen ärgerlicher Ausnahmen Politik für Einzelfälle zu machen. Es geht um die Suche nach einer neuen Sozialpolitik, die gesamtheitliche Lösungen für alle ermöglicht.“ Ich wäre beruhigter, wenn hier statt Wegwischen von „ärgerlichen Ausnahmen“ ein Satz über die unverzichtbare Debatte über den Sinn, den Stellenwert und die Funktion von Arbeit in einer hochtechnisierten, nicht-nachhaltigen Komfort-Gesellschaft am Ende ihres Geschichtszyklus zu lesen wäre. Denn nur die Sozialpolitik umkrempeln zu wollen, ohne den Bürgern und Regierenden zu sagen, dass jedes Grundeinkommensmodell die Linearität der Gesellschaftsentwicklung brechen und das gegenwärtige System bis an die Wurzeln unseres Menschenbilds umgraben wird, ist nicht lauter. Zu Ende gedacht, setzt ein solches neues Sozialsystem der Gesellschaft Ziele, die heute erst wenigen erstrebenswert erscheinen und die noch weniger Menschen gegen den harten Widerstand praktisch der Gesamtorganisation unserer Polis zu leben versuchen. (Ich weiß, wovon ich spreche.) Keine Minute Unterricht in unseren Schulen, geschweige denn Hochschulen, wurde bisher dafür verschwendet, die jungen Menschen für das Leben in einer Gesellschaft zu befähigen, in der nicht mehr der Ellenbogen, sondern das Herz als besttrainierter Muskel gilt. Ohne (Herzens-)Bildung können weder die Folgen einer so fundamentalen Haltungsänderung abgeschätzt noch geschmeidige Wege zu ihrer Verwirklichung gefunden werden. Ohne dass wir versierte Piloten der berühmten Beuysschen „Wärmefähre“ werden, wird sich eine grundeinkommensbasierte Gesellschaft nicht entfalten lassen.
Zweitens: Wer glaubt, es hier mit einem modischen Thema zu tun zu haben, das nur schnell zum Krachmachen in die Runde geworfen wird, muss nachsitzen. Das kann er am besten tun, indem er beim Ausgangspunkt Netzwerk Grundeinkommen mit einer Recherche beginnt, die leicht aus einem am Computer verbrachten Abend eine lebenserfüllende Aufgabe werden lässt …