Die Kunst des Heuchelns

Gelegentlich finde ich es schwer, zu begründen, warum Optimismus in Hinblick auf die Chancen, eine neue Welt errichten zu können, nach wie vor angebracht erscheint. Zu absurd wirkt das Denken und Handeln derer, die es aus professionellen Gründen eigentlich besser wissen und können müssten.

Da sind nun drei deutsche Soldaten erschossen worden. Nicht – hoppla! – aus Versehen von den „eigenen“, guten Leuten, wie die sechs anderen, afghanischen, deren Tod durch deutsche Kugeln man natürlich auch bedauere, sondern von den fremden, bösen. Das – verfolgt man den Tonfall der entsprechenden Berichte – gibt dem Tod offenbar eine andere Färbung.

Bei den vorigen 36 Gefallenen hatte sich die Kanzlerin nicht gezeigt, diesmal wollte „die Öffentlichkeit“ – wer immer das in diesem Fall sein mag – sie in der ersten Reihe trauern sehen. Spiegel-online zitiert sie mit den Worten: „Ich stehe sehr bewusst hinter diesem Einsatz, weil er der Sicherheit unseres Landes dient.“ Kaum zu glauben. Das Kennzeichen von Fundamentalismus ist, dass er darauf besteht, rechtzuhaben. Kein Zweifel beunruhigt das fundamentalistische Gehirn. In einem sozialen Organismus aber, der die gemeinsame Mitte aus den vielen Anschauungen, Erfahrungen und Vorschlägen zu bilden sucht, die seine für die andere Meinung, die andere Kompetenz aufgeschlossenen, am Weiterlernen interessierten Beiträger in dem Wunsch einbringen, aneinander zu wachsen und sich stetig zu erneuern, ist der Selbstzweifel eine unabdingbare Voraussetzung. Hätte der zweite Halbsatz nicht wenigstens lauten müssen, „… weil ich glaube, dass er der Sicherheit unseres Landes dient.“?

Der Artikel spricht von der Fassungslosigkeit der Freunde und Angehörigen der Toten. Der Pfarrer sagt, befürchtet habe man diesen Tag, „aber wir hatten gehofft, dass er uns erspart bleibt.” Es wird nicht berichtet, ob er auch begründet hat, was Anlass zu dieser Hoffnung gab: die überlegenen Waffensysteme etwa? Die Überlegenheit der westlichen Kriegstaktik? Die Intelligenz der westlichen Krieger? Die Feigheit der „Aufständischen“? Das Glück? Die schützende Hand Gottes? Oder enthält uns der Artikel die mögliche Fortsetzunge des Satzes vor, wie etwa: “… dass er uns erspart bleibt, und es andere treffen möge“? Zum Beispiel die Amerikaner, bei denen inzwischen über 1.000 Familien Grund zur Trauer über einen in Afghanistan verlorenen Sohn – Töchter sind auch dabei – haben, oder Deutsche in anderen Kasernen? Es soll einfach einen anderen treffen, nur nicht mich. „Warum lässt Du das zu, Gott?”, fragt der Pastor. Ist Merkel Gott? Bisher war ich der Meinung, die Soldaten stünden am Hindukusch auf Geheiß der deutschen Regierung, des deutschen Bundestags, der deutschen Wähler.

Unter den Trauernden sind auch Berufskollegen der Erschossenen. Der Autor des Artikels bedauert: Sie „müssen im Sommer selbst nach Afghanistan in den Einsatz.“ Ja, müssen sie wirklich? Wer zwingt sie? Mussten sie diesen Beruf wählen? Gleicht die Profession des Söldners nicht der eines Glücksspielers – und wollten sie nicht diesen Beruf?

Ich will gar nicht darüber diskutieren, ob der Kriegseinsatz in Afghanistan und anderswo richtig oder falsch ist. Die zunehmenden globalen Probleme übergeordneter bzw. der übergeordneten Natur werden diese Frage marginalisieren. Ich denke nur mal wieder darüber nach, wie wir es schaffen wollen, die Grundmetaphern in den Köpfen derer zu ändern, die wir eigentlich mühelos erreichen könnten, weil sie unsere Sprache sprechen, Deutsch. Vielleicht wäre schon ein bisschen geholfen, wenn wir die Sache ehrlicher angingen: Wir sollten die Trauer den Menschen überlassen, deren Beziehungsnetz ein Loch bekommen hat. Sie konnten ihren Sohn, ihren Ehemann, Geliebten, Vater nicht davon abbringen, das Glücksspiel eines Kriegers zu spielen, und sei es auch nur darum, dass er damit das Einkommen sichern zu können glaubte. Die anderen Götter, die zugelassen haben und weiterhin zulassen, dass junge Menschen ihr Leben beim russischen Roulette riskieren, sollten schlicht dazu stehen, dass das eben der Preis ist für Überzeugungen, die auf der Metapher beruhen, wir lebten in einer Festung der Guten, und da draußen auf dem Glacis vor unserem Bollwerk, da robbe sich der Feind heran, der fundamentalistische.

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