Das richtige Leben im falschen

Apropos Adornos Behauptung, es gäbe „kein richtiges Leben im falschen“: Freilich schmerzt es, wenn einem die tägliche Erfahrung die scheinbare Nutzlosigkeit noch der stärksten und edelsten Bemühungen um einen fundamentalen Wandel unserer Zivilisation zu einer nachhaltigen, kovergent und organismisch denkenden und handelnden Kultur des Genug vor Augen führt. Ich habe aber Adornos Satz immer als paradoxen Ansporn verstanden, trotz allem das richtige Leben zu schaffen. Wenn das Ziel ein „richtiges Leben“ ist, dann erscheint alles, was wir auf dem Weg dorthin tun, logischerweise falsch, denn richtig wird es ja erst in dem Augenblick, wo das Ziel erreicht ist.

Der Kosmos aber ist ein fraktales Gebilde, und so ist er durch und durch: Wo immer wir mit dem Auffalten beginnen, stets kommt die gleiche Struktur zum Vorschein, deren weitere Entfaltung erneut das gleiche Bild zeigt. Im Großen wie im Kleinen. Wie oben, so unten. In dieser Perspektive kann das Erreichen des Ziels nicht enthalten sein, würde doch damit die Formel, die dem Kosmos die ständige Weiterentfaltung garantiert, ein Ende haben. Und das wäre – zumindest für unser Universum – der Tod des Ganzen.

Den Glauben daran, dass es Ziele gibt, die erreicht werden können und müssen, halte ich für einen der mächtigsten Wirkfaktoren des falschen Lebens. Er ist die Wurzel der heroischen Idee vom Fortschritt, die uns an den Rand des Abgrunds gebracht hat. So trivial es heute klingen mag, wo wir seit seinem popkulturellen Aufkommen in den sechziger Jahren unablässig das Mantra „Der Weg ist das Ziel“ murmeln, es ist doch so: Der Weg ist das Ziel. Das gilt auch für die hehren Anliegen, die wir Kulturkreativen verfolgen: Eine nachhaltige Welt ist zwar unbedingte Voraussetzung für unser weiteres Überleben. Aber erst wenn sich unser Streben in das kosmische Prinzip des ewig Selbstähnlichen fügt, werden wir die Wege gehen können, die uns aus dem falschen, zielorientierten Leben heraus- und in das richtige Leben des Einverstandenseins mit dem, was ist, hineinführen.

Was? Einverstanden sein mit dem, was ist? Niemals! Wir müssen die Dinge doch ändern! Schnellstens! Sonst gehen wir alle unter! – Der Satz „Der Weg ist das Ziel“ ist, soweit ich es überblicke, eine grobe Simplifizierung einer Stelle bei Konfuzius. Berufene übersetzen das Zitat „zhi yu dao“ genauer mit „ich richte mein Streben auf das Dao“. Schon ist alles besser: Wenn das Dao, das selbt kein Ziel kennt, da es – neben vielem anderen – „der Weg an sich und zugleich nicht“ ist, Ziel meines Strebens sein soll, dann gibt es einen Weg, mit dem Paradox zu leben, dass ich in der dichotomen Welt der Handlungen das Richtige nur erreichen kann, wenn ich bereit bin, das Falsche zu tun.

Konkretes Beipsiel: Unsere verzweifelten Bemühungen, der Welt eine neue, „saubere“ Energie zu bringen, treibt die globale Wirtschaft weiter an. Die Entwicklung von Technologien, die nicht mehr auf Erdöl basieren, steigert den Bedarf an Öl. Die Steigerung der Effizienz unserer elektronischen Kommunikation fordert Hardware, braucht Öl und Metalle für Satelliten, Raketen, die diese in den Himmel schießen, Sicherheitsorgane, die die Kraftwerke bewachen, LKWs, die die Transformatoren transportieren, Fabriken, die seltene Erden zu Halbleitern sintern, Berwerke, aus denen die seltenen Erden gekratzt werden und, und, und … (Übrigens, schon mal was von Jevons’ Paradox gehört? Wenn nicht: bitte danach googeln oder z.B. hier nachlesen!) Allein, dass ich diesen Post stromen kann, bringt doch das Gehirn, das sich mal ganz entspannt mit all den Voraussetzungen und Abhängigkeiten und für die Biosphäre zuhöchst schädlichen Folgen meines (eher als richtig eingeschätzten) Tuns beschäftigen will, zum Kochen.

Richtig könnte also sein, das alles zuzulassen. Wunderbare Ruhe zieht in mir ein, wenn ich anfange, einverstanden zu sein mit dem, was ist.

Ich bin einverstanden damit, dass ich beim Stromen dieses Posts meiner und der Welt unserer Kinder vermutlich schade. Jetzt, in diesem Augenblick, und vielleicht auch noch morgen. Ich bin einverstanden damit, dass ich damit nicht einverstanden bin.

Ich bin einverstanden damit, dass ich das Ziel einer „besseren Welt“ nicht erreichen werde, weil Statik nur innerhalb einer ständigen Dynamik (= kosmisches Prinzip) gedacht werden kann. Ich bin einverstanden damit, dass ich damit nicht einverstanden bin – ich will in einer „besseren Welt“ leben.

Ich bin einverstanden damit, dass ich der Welt schade, schlicht, weil ich hier bin und zur Steigerung der Entropie des Ganzen beitrage. Aber wenn ich schon hier bin, dann möge der Schaden doch wenigstens nützen!

Ich bin einverstanden damit, dass das Dao selbst kein Ziel hat. Ich bin einverstanden damit, dass mein „Streben nach dem Dao“ ein Widerspruch mit dieser Grunderkenntnis ist.

Ich bin einverstanden damit, dass ich in einer paradoxen Welt lebe. Ich bin einverstanden damit, dass ich nichts wirklich ändern kann. Ich  bin einverstanden damit, dass mir das nicht gefällt. Ich bin einverstanden damit, dass ich alles daransetze, die Dinge zu ändern, die ich nicht ändern kann. Und so fort …

Wie wunderbar ist dieses Kaleidoskop der Paradoxe, der scheinbaren Widersprüche, wie wunderbar ist das Dao. Wie entspannt und heiter kann ich nun weiter das Falsche tun, während ich kompromisslos das, was ich für richtig halte, in die Tat umsetze …

Wahrscheinlich war Adorno ein verkappter Daoist.

Kommentare

Ein Kommentar to “Das richtige Leben im falschen”

  1. YIPpie! Go social! : Club of Budapest Deutschland on März 16th, 2010 09:25

    [...] es gibt sie, die richtigen Initiativen im falschen Leben (frei nach Adorno)! Und in den harten Zeiten, wo uns immer mehr bewusst wird, wie wenige wir erst [...]

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