Grundeinkommen hat Mainstream erreicht
Hört, hört oder, besser, lest, lest! Unglaubliches tut sich in Deutschland! Der SPIEGEL in seiner Online-Variante titelt soeben: „Gleiches Geld für alle“ und lässt den Hamburger Volkswirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar einen klaren, unverschnörkelten Aufruf zum bedingungslosen Grundeinkommen publizieren. Zwar ein Gastkommentar, und von Thomas Straubhaar hat man an gleicher Stelle schon vorher immer mal einen Rüttler in diese Richtung lesen dürfen. Aber so wie jetzt, das ist neu. Ich dachte mir schon beim ersten Zähneblecken unseres Herrn Außenministers gegenüber den arbeitsscheuen Hartz-IV-Couchkartoffeln, dass dies doch die beste Chance für einen lauten Aufschrei der Grundeinkommensnachdenker sei, die es bisher überhaupt gab. Voilà, hier wurde die Chance genutzt. Lesen Sie den Artikel auf SPIEGEL-online!
Zwei Zusätze, erstens: Thomas Straubhaar sagt am Schluss seines Artikels: „Natürlich wird ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht aus der Realität ein Paradies und aus Egoisten Gutmenschen machen. Es wird weiterhin Menschen geben, die auch dieses System hintergehen, missbrauchen und zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht darum, wegen ärgerlicher Ausnahmen Politik für Einzelfälle zu machen. Es geht um die Suche nach einer neuen Sozialpolitik, die gesamtheitliche Lösungen für alle ermöglicht.“ Ich wäre beruhigter, wenn hier statt Wegwischen von „ärgerlichen Ausnahmen“ ein Satz über die unverzichtbare Debatte über den Sinn, den Stellenwert und die Funktion von Arbeit in einer hochtechnisierten, nicht-nachhaltigen Komfort-Gesellschaft am Ende ihres Geschichtszyklus zu lesen wäre. Denn nur die Sozialpolitik umkrempeln zu wollen, ohne den Bürgern und Regierenden zu sagen, dass jedes Grundeinkommensmodell die Linearität der Gesellschaftsentwicklung brechen und das gegenwärtige System bis an die Wurzeln unseres Menschenbilds umgraben wird, ist nicht lauter. Zu Ende gedacht, setzt ein solches neues Sozialsystem der Gesellschaft Ziele, die heute erst wenigen erstrebenswert erscheinen und die noch weniger Menschen gegen den harten Widerstand praktisch der Gesamtorganisation unserer Polis zu leben versuchen. (Ich weiß, wovon ich spreche.) Keine Minute Unterricht in unseren Schulen, geschweige denn Hochschulen, wurde bisher dafür verschwendet, die jungen Menschen für das Leben in einer Gesellschaft zu befähigen, in der nicht mehr der Ellenbogen, sondern das Herz als besttrainierter Muskel gilt. Ohne (Herzens-)Bildung können weder die Folgen einer so fundamentalen Haltungsänderung abgeschätzt noch geschmeidige Wege zu ihrer Verwirklichung gefunden werden. Ohne dass wir versierte Piloten der berühmten Beuysschen „Wärmefähre“ werden, wird sich eine grundeinkommensbasierte Gesellschaft nicht entfalten lassen.
Zweitens: Wer glaubt, es hier mit einem modischen Thema zu tun zu haben, das nur schnell zum Krachmachen in die Runde geworfen wird, muss nachsitzen. Das kann er am besten tun, indem er beim Ausgangspunkt Netzwerk Grundeinkommen mit einer Recherche beginnt, die leicht aus einem am Computer verbrachten Abend eine lebenserfüllende Aufgabe werden lässt …
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